Gedenken zum 09.11.2023 in Großröhrsdorf

Auch in diesem Jahr luden Pfarrer i. R. Norbert Littig und Bürgermeister Stefan Schneider am 9. November an den Gedenkstein der Familie Schönwald ein.

Da der Bürgermeister an diesem Tag dienstlich verhindert war, vertrat ihn sein Stellvertreter und Wirtschaftsprüfer André Riffel. In seiner Rede erinnerte er an den Rassenwahn der Nationalsozialisten, der großes Leid über Millionen Menschen, wie der jüdischen Familie Schönwald in Großröhrsdorf brachte. André Riffel mahnte, dass der Wahn des Menschen sich auch aktuell in zahlreichen Krisen weltweit zeigt: der Krieg zwischen Russland und Ukraine, die Unterdrückung von Minderheiten in China, die Vertreibung von 100.000 Armeniern aus ihrer Heimat und der aktuelle Konflikt zwischen Israel und Palästinensern sind leider nur einige Beispiele. Ganz nach dem Grundsatz "Denn was für ein Mensch ist ein Mensch, der nicht versucht, die Welt zu verbessern?" rief André Riffel all Jene auf, die für die Krisen der Welt verantwortlich sind, ihren Wahn zu erkennen, damit heute sowie in Zukunft Menschen nicht wieder das Leid ertragen müssen, welches der Familie Schönwald vor 85 Jahren widerfahren ist.

Pfarrer i. R. Littig ging in seiner Rede ebenfalls auf die weltweiten Krisen ein, entsprechend dem diesjährigen Motto des Gedenkens "Sie sollen sicher wohnen": Es ist eines der grundlegenden Menschenrechte, das Recht auf eine sichere Wohnung. Ein kleiner Ort, wo wir vor Wind und Regen, Kälte und Hitze geschützt sind. Aber vor allem: Ein Ort, wo wir uns ganz privat entfalten und miteinander reden können, ohne dass andere Unbefugte und hören, sehen und einwirken können. (...) So lange Menschen leben, haben Menschen einander dieses grundlegende Lebensrecht auf eine sichere Wohnung bestritten. Am 9. November gedenken wir der einst 520.000 Juden, die spätestens seit der berüchtigten Reichspogromnacht 1938 zu spüren bekamen, dass sie in ihren Wohnungen nicht mehr sicher sind . Auch hier in Großröhrsdorf geschah das furchtbare Unrecht, dass die Scheiben des Kaufhauses und der Wohnung der jüdischen Familie Schönwald in der Dunkelheit der Nacht vom 9. zum 10. November vor 85 Jahren eingeworfen wurden. Es folgten für den Kaufhausbesitzer drei Wochen sogenannte "Schutzhaft" im KZ Buchenwald.

Anschließend musste er sein Haus, seine Wohnung weit unter Wert zwangsverkaufen, quasi verschenken. Seine Familie wurde bis 1942 in ein so genanntes „Judenhaus“ in Berlin eingewiesen. Die dort bestehenden Verhältnisse waren alles andere als menschenwürdig. Verzweifelt suchten sie nach einer Möglichkeit der Ausreise in die USA, wohin ihr Sohn Heinz 1938 noch rechtzeitig emigrieren konnte. Doch Amerika hatte eine längst erreichte so genannte „Obergrenze“ für die Aufnahme von Flüchtlingen eingerichtet. Auch die anderen freien Länder in Europa z. B. Großbritannien waren nur sehr beschränkt bereit, die vom Tod bedrohten Juden aus Nazideutschland aufzunehmen. So verloren die hiesigen Juden nicht nur ihre sichere Wohnung, sondern am Ende auch die meisten ihr Leben. Sie wurden brutal ermordet. „Sie sollen sicher wohnen.“ Dieser Satz drückt die Sehnsucht eines kleinen Volkes nach sicheren Wohnverhältnissen aus.

Auch Norbert Littig verwies auf die aktuellen Krisen in der Welt, durch die unzählige Menschen sich in ihren eigenen Wohnungen nicht mehr sicher füllen können oder der Unterkunft gänzlich beraubt und auf der Flucht sind.

Er mahnte: Wir erinnern uns heute an das furchtbare Verbrechen, das mit der Zerstörung von Wohnungen vor 85 Jahren begann und in einem millionenfachen Völkermord der Juden Europas endete. Lasst uns die biblische Hoffnung von einem sicheren Wohnrecht für alle Menschen nicht aufgeben, auch und gerade in unserer Zeit, wo dieses grundlegende Menschenrecht millionenfach in Gedanken, Worten und Taten geleugnet wird.“

Im Anschluss legten alle Anwesenden mit André Riffel und Pfarrer i. R. Norbert Littig eine weiße Rose und eine weiße Lilie sowie Kieselsteine am Gedenkstein der Familie Schönwald nieder.
Musikalisch begleitet wurde das Gedenken durch das Ehepaar Schmidt
und Frau Rummel aus Bretnig. Vielen Dank dafür.

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