Stille Besinnung am Gedenkstein der Familie Schönwald

Auch in diesem Jahr luden Pfarrer i. R. Norbert Littig und Bürgermeister Stefan Schneider am 9. November zur stillen Besinnung anlässlich der Reichspogromnacht vor 81 Jahren an den Gedenkstein der Familie Schönwald ein.

Bürgermeister Stefan Schneider forderte in seiner Rede auf, dass Schlimme nicht zu vergessen, damit sich Gräueltaten in der Geschichte nicht wiederholen: „Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gehört zu den schlimmsten und beschämendsten Momenten der deutschen Geschichte. Natürlich: Im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte, war sie nur ein Vorbote. Aber ihre Geschehnisse waren auch für sich ein solcher Schlag in das Gesicht von Humanität, Zivilisation und Anstand, dass wir dieses Datum nicht vergessen dürfen.“ Deshalb erinnern wir in Großröhrsdorf ganz bewusst an diesen traurigen Jahrestag und das damit unmittelbar verbundene Schicksal der Familie Schönwald.
„Unsere Verantwortung ist es, solche Verachtung, Verfolgung und Vernichtung von Menschen nie mehr zuzulassen.“ mahnte Bürgermeister Stefan Schneider.

Pfarrer i. R. Norbert Littig und Bürgermeister Stefan Schneider legen Blumen am Gedenkstein der Familie Schönwald nieder. zoom

Pfarrer i. R. Norbert Littig lies die Anwesenden an seinem dreimonatigen Studienaufenthalt in Israel teilhaben, in dem er einen Beitrag aus seinem Tagebuch vorlas, in welchem er etwas von einem Friedensklima spüren konnte in einer Gesellschaft, die wie unsere innerlich sehr zerrissen ist.

„Sonntag, 01.09.2019: Acht Jahre war der Propst Wolfgang Schmidt an der Ev.-Luth. Erlöserkirche in Jerusalem tätig… Zur Verabschiedung des Propstes hatte die Kirchgemeinde einen Ausflug nach Latrun organisiert, wohin uns ein Bus nach dem Gottesdienst brachte. Hier hatte Wolfgang Schmidt mit seiner Ehefrau auf Wanderungen in der grünen Natur Stille gesucht und Kraft für seine Arbeit bekommen.

Wer in Israel lebt, stellt sich immer wieder einmal die Frage: Was dient dem friedlichen Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationalitäten und Religionen? Ist gelebte Religion (vielleicht auch eine falsch verstandene Religiosität) nicht oft genug auch Ursache für Unfrieden statt für ein gutes Miteinander?! Hier in Latrun ist der Versuch unternommen worden, ein gelingendes Zusammenleben von ganz verschiedenen Menschen zu organisieren, welches einzigartig in Israel ist und beispielhaft sein könnte.

Dieser Ort Latrun etwa 20 km westlich von Jerusalem hat viele kriegerische Ereignisse erlebt: Der Boden ist blutgetränkt. Hier wird die Auseinandersetzung von Josua gegen die Amalekiter-Könige im 13. Jh. vor Chr. lokalisiert. Auf einem Berghügel sind noch Reste einer Burganlage aus der Zeit der Kreuzzüge erkennbar. 1890 haben französische Mönche 200 ha Land erworben und im Tal ein Kloster gebaut. Im I. Weltkrieg wurden die Mönche vertrieben und das Kloster geplündert. Nach Eroberung des Landes durch die Briten, erhielten die Mönche 1927 das Kloster zurück. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 fand hier einer der erbittertsten Kämpfe zwischen Israelis und Arabern um die Kontrolle der Straße zum belagerten Jerusalem statt. Im Schatten der blutigen Auseinandersetzungen haben die Mönche ausgehalten und sich immer politisch herausgehalten. Sie haben ein bis heute geachtetes und einträgliches Weingut errichtet. Die Trapisten sind streng asketisch lebende Mönche, die vor allem durch ihr Schweigen bekannt sind. 2012 geriet das Kloster in die Schlagzeilen, als extremistische jüdische Siedler eine Tür eintraten, Feuer legten und antichristliche Parolen an die Wände schmierten, was von der Regierung umgehend verurteilt wurde. Vermutlich war es eine Racheaktion gegen die staatliche Auflösung ihrer ungenehmigt errichteten Siedlung.

1970 erwarb der Dominikanerpater Bruno Hussar, der 1911 als Sohn jüdischer Eltern in Ägypten geboren worden und mit 24 Jahren zum Katholizismus übergetreten war und 1966 als Priester die israelische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, von den Mönchen ungenutztes Land, um eine Siedlung zu errichten, wo Juden, Christen und Muslime in Eintracht miteinander leben können. Dies sollte ein Ort des Friedens sein. In Neve Shalom – Wahat al Salam sind zurzeit etwa 90 Familien wohnhaft. Es gibt einen Kindergarten und eine Schule, wo konsequent die Kinder zweisprachig aufwachsen und zu religiöser Toleranz erzogen werden.

Niemand wird zu einer Religion genötigt und jeder kann in das gemeinsame Haus der Stille kommen, um schweigend zu beten. Die Raumkonzeption verhindert auch akustisch jedes Gespräch! Man kann dort knieen, sitzen oder stehen, wann immer man will und wie lange man möchte, allein oder mit anderen zusammen. Der Raum ist stets geöffnet.

So wurde aus einem Gebiet, das so viel Unfrieden in der Geschichte erleben musste, eine Oase des Friedens. Heute wird durch die Koexistenz gezeigt, dass eine friedliche Partnerschaft zwischen israelischen Juden und Arabern in einer auf Toleranz, gegenseitiger Achtung und Zusammenarbeit beruhenden Gemeinschaft möglich ist…“

Auftritt der Harmony Dreamszoom

Mit drei Gesangsstücken begleitete Frau Kerstin Naumann mit drei weiteren Mitgliedern der Harmony Dreams die Gedenkstunde am 9. November. Im Anschluss legten alle Anwesenden mit Bürgermeister Stefan Schneider und Pfarrer i. R. Norbert Littig eine weiße Rose und eine weiße Lillie sowie Kieselsteine am Gedenkstein der Familie Schönwald nieder.

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